Erbsen zählen lohnt sich

Im Umgang und Training mit meinen Pferden bin ich ein strenger Erbsenzähler. Fällt mir ein Pferd auf, das plötzlich als erstes durchs Tor geht, beim Aufhalftern nicht still steht oder sich an mir scheuern will, korrigiere ich dies sofort, sodass sich die Verhaltensweise gar nicht weiterentwickeln kann. Ich möchte die Arbeitssicherheit auf unserem Hof so hoch, wie möglich halten, da es völlig logisch ist, dass nicht jeder zu jedem Tag auf 100 % arbeitet.

 

Mit Erbsenzählen ist die Aufrechterhaltung der Benimmregeln gemeint, also mit welcher Genauigkeit und Konsequenz ich diese durchführe und worin meine „Abweichungsabstufungen“ liegen.

 

Pferde sind auch Erbsenzähler – manche mehr, manche weniger. Ich nenne es immer „die Pufferzone“, die bei jedem Pferd eine individuelle Dauer beschreibt, in der wir unerwünschtes Verhalten unkorrigiert lassen können, bis daraus ein „Problem“ wird.

 

 

Unser Shetty Horst ist zum Beispiel ein „Mikro-Erbsenzähler“, der die Regel „Kein Fressen während der Arbeitszeit“ sofort untergräbt, wenn er auch nur ein einziges Mal am Strick ans Gras kommt. Danach haben wir eine Woche Spaß damit.

 

Mein Jonny zählt ganz lange keine Erbsen. Er ist zu höflich, als dass ihm auch nur ein Fehler passiert. Stelle ich ihn in den Schatten unter den Birnenbaum, kann ich sogar noch schnell aufs Klo gehen – er würde sich keine Birne schnappen. Wenn er aber nach langer Zeit irgendwann merkt, dass wirklich niemand zurück kommt, würde er langsam darüber nachdenken. Passiert dies öfter,

 

Erbsen zu zählen hat aber auch seinen Preis. Es verlangt die Korrektur in jeder Lebenslage. Im Starkregen, in Eile, bei Krankheit – immer. Ich muss viel Selbstdisziplin an den Tag legen und darf auch mir keine Fehler erlauben. Dafür arbeite ich jeden Tag ein bisschen. Probleme erscheinen deshalb „harmlos“.

 

Vernachlässige ich diese Dinge und mache ein bisschen „blau“, geht das bei einem braven Pferd vielleicht auch länger gut. Ignoriere ich dann die harmlosen Andeutungen meines Pferdes, wird dieses seinen Freifahrtschein bald nutzen und ich habe ein echtes Problem und muss richtig viel arbeiten, damit es sich wieder behebt.

 

Generell ist mein Verhalten dem Pferd gegenüber absolut unfair. Ich kann nicht in der einen Woche eine Sprache sprechen und in der nächsten eine andere. Somit brauche ich mich auch nicht wundern, wenn ich nicht verstanden werde.

 

 

Das Erbsenzählen ist also nur zu empfehlen. Jeden Tag ein bisschen, ist nachhaltiger und sorgt für Sicherheit im Umgang, als die Laissez-Faire-Variante. Ganz besonders stärkt es die Beziehung zu Eurem Pferd, denn das mag eine klare Regelung in seinem Alltag und genießt ein harmonisches Miteinander.